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Machtin

Ich finde, das Leben ist gar nicht so schwer wie immer behauptet wird. Man wird geboren, läuft und läuft und läuft und dann stirbt man irgendwann.
Es gibt allerdings ein paar Dinge, die das Laufen abwechslungsreicher machen, die Liebe zum Beispiel. Aber die ist nur etwas für Menschen, die nicht so gerne alleine laufen wollen.
Ich bin ein verdammt guter Läufer!




Verfasst am 27.03.2003 10:14:24 Uhr
24 Stunden


Dieser Blick ist unmissverständlich! Eigentlich möchte, nein, will ich nachhause aber als Cathrin mich anschaut sehe ich, dass daraus wohl vorerst nichts wird. Eigentliches Ziel des Abends ist nämlich eine 24 stunden lange Lesung im kleinen Sendesaal des WDR. Natürlich erst, nachdem wir zu dritt noch ein paar Getränke nehmen wollten, jetzt sind die Getränke genommen und mir wird unmissverständlich gezeigt, dass kneifen nicht ist, na gut.

Cathrinelli hat sich entschieden. Die ganze Straße ist voller Taxis, rechts, geradeaus, und hinter uns, aber Cathrin springt entschlossen auf die Straße um das weiße Auto zu unserer Linken aufzuhalten. Sie spreizt ihre Arme als wollte sie fliegen um dem nahenden Kutscher zu symbolisieren, dass wir es ernst meinen. Das Gefährt kommt quietschend auf der Stelle zum stehen, wo Cathrin noch vor einer hundertstel Sekunde ihre Flügel streckte. Ich, lasse die beiden Damen hinten einsteigen und nehme auf dem Zahlmeister-Sitz neben dem Fahrer platz. Direkt hinter dem Taxameter, einem der besten Beweise dafür, dass Zeit, Weg und Geld in irgendeinem Verhältnis zueinander stehen müssen.

Wir fahren viel zu schnell und es ist dunkel, Aachener Straße, Ringe, all das zieht an mir vorbei und verschwindet in Unschärfe. Nur der Fahrer zu meiner linken bleibt scharf, nicht jedoch konturscharf, sein Gesicht ist frei von jeglichen Konturen, auf einer kleinen schwarzen Kugel tront ein kugelförmiger Kopf. Winzig zusammengekauert sitzt er neben mir und allmählich wird mir klar, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmen kann. Als ich ihn verlegen anschaue dreht er demonstrativ die Musik lauter, es scheint als fühle er sich ertappt, er will ablenken. Aus der Anlage des Mercedes läuft billigster Bumm-Bumm Techno, der düstere kleine Zwerg fährt schneller und schneller, in jeder Kurve sehe ich im Rückspiegel, wie Cathrin und Mimi auf dem Rücksitz von links nach Recht fliegen. Noch einmal greift er zum Radio, noch lauter, die einzelnen Töne klingen wie die Fräswerkzeuge einer CNC Maschine mit der man Metalle auf den 10tel Millimeter genau schleifen kann. Hier nimmt er eine Ampel bei dunkelgelb, dort biegt er in eine kleine Gasse ein, keiner sagt ein Wort. Ich fühle mich ausgeliefert, wahrscheinlich hat er, wie jetzt alle Taxis, so eine Elektroschock Anlage unter dem Sitz mit der er seine Fahrgäste für Stunden lang ins Nirvana befördern kann, vielleicht hat er sie sogar unter seinem eigenen Sitz und benutzt sie in minuten- Zyklen.

Weil wir zwischenzeitlich den Boden verlassen haben zeigt das Taxameter den Betrag von 4,50 Eur an, als wir zwischen den WDR Hochhäusern zum stehen kommen.
„Ist hier der kleine Sendesaal?“ Frage ich den Fahrern, der mit einer blechernen Stimme antwortet: „Sie senden doch alle, diese scheiss Bundeskanzler, überall!“
„Oh, da kann ich ihnen nicht so recht folgen“
„Das ist egal, ist sowieso jetzt verfuscht!“ Ja, es scheint verfuscht, denn ich höre wie die hinteren Türen sich entgegen der Erwartung öffnen und die beiden Mädels aussteigen. Wir bleiben vor dem Tor der Hölle stehen, verschont... Ich frage mich, was den Teufel wohl geritten haben muss, uns nicht in sein düsteres Reich zu verführen.
Ich reiche ihm einen Zehner mit den Worten, er solle mal schön rund machen.
„Ja, alles ist rund, Teufelskreis...“ Entgegnet er, ohne ein Tschüss schlage ich die Tür zu und das feurige rot der Rücklichter verschwindet in der dunkelheit.

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Verfasst am 12.03.2003 13:11:21 Uhr
Es dreht sich
Alles ganz einfach. Ich sitze auf einer Klippe auf dem dunklen Teil der Erdhälfte. Unter mir ein bisschen Sand, ein Felsbrocken und dann 30 km verkrustete Lawa, in der Mitte brodelt es noch immer. Ich kann den enormen Fahrtwind spüren der durch die Erdrotation erzeugt wird. Wisst ihr wie schnell sie sich dreht? Dagegen könnt ihr eure Autos mal so etwas von vergessen, ich reise offen, der Wind fährt mir durch meine Haarstoppeln, über mir fliegt eine Möwe, da muss ich wegschauen weil ich Angst vor Kitsch habe.

Mein Kopf rattert, vor mir ein 21 Zoll Monitor. Bis morgen soll ich 6 Banner gefertigt haben. Minimalste Werbebotschaften auf 468mal 60 Pixeln, kurze Texte, Anreize, Kaufanreize, Klickanreize. Der Erfolg wird nach Clickthrough und Conversion berechnet. Ich denke nur noch abstrahiert und versuche mir bewusst zu machen, worauf ich wohl reagieren würde, was würde ich wohl anklicken, am besten gar nichts. Der User allerdings reagiert auf Standard-System Banner, die ihm vorgaukeln, dass etwas mit seinem Computer nicht stimmt, davor hat er angst, er hat angst, dass ihm die Technik einen Strich durch die Rechnung macht. Ich öffne Photoshop und wähle als Formatgröße 468x60 mal 72dpi.

Nun beginnt das Meer sich rot zu färben und die Wahrheit ist so einfach. Ich habe Riesenglück gehabt. Ich wurde mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf auf einem Planeten geboren, den eine Hülle umgibt, unter der Sich Wasser und Sauerstoff zum Atmen befinden. Darüber eine Decke aus Sternen, nichts trennt mich davon, in der Vertikalen gibt es keine Ampeln die auf Rot schalten können, heute aber klebe ich am Boden, also bleibe ich sitzen und lausche dem Wasser, dem Wasser aus dem Meer und dem Wasser aus dem ich gemacht bin, viel Wasser und ein bisschen Biomasse, die in spätestens 80 Jahren wieder dem Zyklus zugefügt wird, Bio – Recycling aber bis dahin ist ja noch Zeit.

Jetzt meldet mir mein Computer selbst ein Problem. Meine Festplatte ist voll, das passiert immer dann wenn etwas schnell gehen soll. Also beginne ich auf dem Laufwerk nach Dingen zu suchen, die ich auf den Server verschieben kann. Dabei merke ich, wie ich meine alten Projekte durchforste, vielleicht finde ich ja etwas was ich für diese Kampagne verwenden kann, das wäre schön, dann müsste ich nicht so viel überlegen.

Der große Rote Ball wird größer und heller. Er beleuchtet das getrennte Sichtfeld, die untere Hälfte hört irgendwann auf, die obere Hälfte fängt irgendwann an. Was wird der heutige Tag wohl bringen. Auf dem dunklen Teil der Erde, der sich gerade in den hellen verwandelt, schlendere ich zu meinem Schlafsack, der liegt 100 Meter entfernt am Strand, ich lege mich hinein und gebe mich dem Rhythmus aus Wellen und wind hin, schlafe sanft ein.

Durch die Tür kommt jetzt jemand, der immer rote Flecken im Gesicht bekommt wenn er unter Stress steht. Er erzählt mir irgendetwas von Serverabstürzen und dem Kunden, der bis morgen zufrieden gestellt werden muss. Ich glaube er fürchtet um seinen Job. Ich höre zu, ich gebe mich interessiert, ich nicke, ich schiebe meine Stirn in Falten, das sieht immer ganz besorgt aus und in meinen Gedanken sehe ich den Delfinen zu, die sich jetzt am Horizont in der aufgehenden Sonne eine Verfolgungsjagd liefern.

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Verfasst am 14.02.2003 19:59:04 Uhr
Vorgestiegen
Das Leben verlangt häufig nach Prüfungen. Auch wenn es bei mir lange Zeit ohne zuging, überrascht einen der Alltag doch immer wieder aufs neue. Seit dem heutigen Tage bin ich Mitglied im Alpenverein, Sektion Köln. Lange, lange Zeit habe ich mich davor gedrückt, die letzten Jahre in Hamburg ja auch nicht ganz grundlos, aber ihr werdet lachen, es gibt ihn, den Alpenverein, Sektion Hamburg. Der ist nach aller Wahrscheinlichkeit dazu da, um die enormen Steigungen im Stadtpark mit soliden Borhaken zu versehen. Deutschland fühlt sich eben in Vereinen wohl, dort kann man so herrlich schön fachsimpeln, Zugehörigkeit zeigen und man hat jederzeit jemanden zum Anstoßen. Dafür braucht es für einen Alpenverein noch nicht mal Berge, ein Stößchen in der Gartenlaube und fachsimpeln über die Wochen in der Südpfalz.

Zurück zur Sektion Köln. Eine echte Überwindung. Ich kann mich super erinnern, wie die gleiche Institution damals nicht ganz unbeteiligt an der Felssperrung eines Kletterparkes im Siebengebirge war. Der Stenzelberg ist aufgrund der zu hohen Umweltbelastung die beim Klettern entsteht gesperrt, hieß es damals. Auf genaue Nachfrage sagte mir damals einer der helmtragenden DAVlern, Die Kreide, die beim Klettern verwendet würde, zerfräße allmählich das Grundwasser, und das hohe Aufkommen an Freizeitsportlern zerstöre die Natur. Mittlerweile wird genau die gleiche Kreide mit Hubschraubern über den Wäldern abgeworfen, um den Boden wieder aufzuarbeiten und unterhalb des Klettergartens führt sowieso eine Straße entlang. Dennoch, der Verein hat erreicht was er wollte, bis heute ist das Klettern dort illegal, mich hat es nie gestört!

Der Grund meines Vereins-Beitrittes ist „Chateauvert“. Das ist ein kleines Dorf in der nähe von Verdon in Frankreich und DAV Mitglieder erhalten dort vom 12.04.- 21.04. neue Herausforderungen an einem einzigartigen Felsmassiv. Diese Tour erschien mir als so legendär, dass ich heute ins Sektionshaus am Neumarkt grätsche und ein klares „ Ja ich will, gibt es Ermäßigung für Arbeitslose?“ In den Raum werfe. Die gibt es nicht.

Es gibt aber eine Prüfung. Heute habe ich nämlich mit dem Organisator telefoniert. Am 20.02. muss ich vor der Gruppenleitung vorklettern. Zu schaffen ist der Schwierigkeitsgrad 6 – im Vorstieg. Nicht gerade schwer aber nach der langen Zeit der Horizontalen bin ich schon sehr verunsichert. Schon ist es wieder da, dieses angespannte Gefühl, das Gefühl den anderen zeigen zu müssen, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe, wie damals in der Schule...

Nun aber meine Bitte. Solltet ihr mich nach einiger Zeit dabei erwischen, wie ich mich als Kassenwart versuche, oder ich mich Sonntags mit meinen Sektionsmitgliedern zum Frühschoppen treffe, tut bitte alles dafür, mir klar zu machen, dass ich zu weit gegangen bin. Den Bergen ist Vereinszugehörigkeit nämlich wirklich Scheissegal und dem Lieben Gott hoffentlich auch!

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Verfasst am 03.02.2003 17:08:09 Uhr
Gesicht aus Lego
Jetzt sitze ich im Auto, A1, der 100 Meter Zähler, das ist der mit den Roten Zahlen, bewegt sich genauso zögerlich wie mein Schulterblick, ja nicht unnötig überholen, in meinem Kopf rumort es. Wir haben es noch einmal getan, mit allen Konsequenzen. Eine derer ist, dass ich mich heute nicht mehr wie ein Mensch fühle, sondern selbst wie eine Flasche Zaranow, dem Billig Vodka, der gestern in Strömen geflossen ist. Ich habe immer noch diesen destillierten Geschmack im Mund.

Wir beginnen es bei der Party von Katrin fließen zu lassen. Das alles geht mal wieder konsequent schnell. Ankommen, hallo sagen, Getränke abchecken. Die ersten beiden VRB’s schmecken noch gut, alle weiteren genauso oder sonst wie, auch egal. Meistens stehen wir auf der Treppe, weil da der Weg zur Bar näher ist, wir unterhalten uns über belangloses. Manchmal denke ich, dass ich „betrunken sein“ schon ganz gut kompensieren kann, in dem ich mich gestochen scharf auszudrücken versuche. Als selbst das nicht mehr funktioniert entdecken wir einen Raum mit aufblasbaren Sitzkissen. Dort liege ich zuerst mit Cathrin, später mit Svausmeister, dann mal wieder alleine, dann gar nicht mehr, weil wir ja weiterziehen müssen. Warum weiß ich eigentlich nicht, aber Frank und Spriddi sowie auch Stelzbock wissen das. Sie wissen beim Feiern meistens sowieso mehr als ich und da ist blindes Vertrauen angesagt. Im Taxiradio redet man über den Columbia Absturz, (danke Markus, scheiss Alkohol!) wir reden über den Absturz, der uns bevorsteht, so hat wenigstens jeder sein Thema.

Dann sind wir im Gum. Auf der Gästeliste hat irgendwer meinen Namen für den Einlass benutzt. Scheiss - Arschloch! Kelly muss sich nie auf irgendeine Gästeliste setzen lassen. Der sagt dann immer nur: „Ich bin Kelly“, und weil er stets so aussieht, wie der Typ aus der Davidoff Werbung kommt er rein. Auch an diesem Abend. Im Gum ist es sehr laut, die haben kürzlich renoviert und aus ihrer lauten Anlage eine noch lautere gemacht. Da muss man sich nicht mehr unterhalten und kann sich aufs Bier trinken konzentrieren. Eigentlich ist alles ganz OK hier aber Spriddi und Frank sind ungeduldig, weil wir noch zum China Club müssen. Wir gehen aber erst, nachdem Ivo und Meister Proper angekommen sind, schließlich wollten die beiden ja auch noch ihren Eintritt abdrücken.
Das beste am China Club ist die Schlange vor der Tür. Da muss man gut aufpassen. Der Typ mit dem Reißbrett in der Hand heißt Wolfgang und hat mehr Freunde als Tim Taler, lachen kann er aber auch nicht. Jeder ruft seinen Namen: „Wolfgang, hat das mit der Liste geklappt?“ Vor uns spielen sich Tragödien ab. Eine Truppe mit 2 Mädels und einem Jungen wird gesplittet, und nur die beiden Mädels dürfen passieren. Der zu Tode erschreckte Knabe brüllt nun nach Wolfgang: „Wolfgang, Wolfgang, vergiss mich nicht!“ Dann zu den beiden Mädels:“ Ohne mich kommt ihr doch gar nicht rein!“ Aber die beiden können ihn nicht hören, weil sie schon „drin“ sind.
Im China Club geht es unaufhörlich weiter, Küsschen rechts, links, Blick nach vorne. Svausi verpasst sich den Todesstoß mit einer weiteren Flasche Bier, ich trinke nur noch wasser, sprechen habe ich schon verlernt. Svausi’s Gesicht sieht jetzt so aus wie meine damaligen Lego Projekte. Auf Farbkonformität und die Verwendung der richtigen Steine hab ich damals nie geachtet, rein pragmatisch, hier und da steht eine Zacke raus, ein Dreier Stein sitzt auf einem vierer, zumindest denke ich das, wenn ich ihn ansehe. Ich sehe wahrscheinlich so aus, wie Kermit aus der Sesamstrasse, so versuche ich auch zu tanzen, weil man beim Tanzen nicht einschlafen kann.
Es ist wie gewohnt, wie immer. Ich weiß nicht, ob ich mich noch so richtig zuhause fühle aber ich weiß was zu tun ist. Durchhalten bis zum bitteren Ende!

Das bittere Ende bleibt aus und wir fahren in die Elandsbay, weitere fünf stunden später sitze ich dort, wo ich jetzt sitze, auf dem Sessel der fahren kann. Ich merke, dass die räumlich gefühlte Distanz zwischen Hamburg und Köln nicht der tatsächlichen entspricht. Heute ist sie unendlich groß, Meter für Meter verschwindet hinter mir, sang und klanglos, ohne sich zu verabschieden.

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Verfasst am 28.01.2003 15:24:39 Uhr
PFADFINDERLAGER
Schäfer bietet sich unentschlossen an, mich während meiner Entdeckungsreise, an meinem ersten Abend in Köln zu begleiten. Unentschlossen deswegen, weil er wohl weiß, was ihm blüht. Ein sowohl wirtschaftlicher, als auch gesundheitlicher Totalschaden steht an. Schäfer studiert Maschinenbau in Aachen und ist daher wohl dazu verpflichtet, Blue Jeans und karierte Hemden zu tragen. Wirklich konsequent, er tut das schon immer. Wenigstens jemand, der sich nicht ständig irgendwelchen modischen Strömungen hingibt. Das strahlt dann auch so etwas seriöses aus, nicht nur deswegen gehe ich gerne mit ihm weg. Wenn ich mich ebenfalls so kleiden würde, würde uns Michael Schumacher mit allergrößter Wahrscheinlichkeit sofort adoptieren, sollte er uns einmal treffen. Hier in Köln ist das ja gar nicht so abwegig. Da ich aber solche Klamotten nicht tragen kann, weil ich in Hemden immer das Gefühl habe, nicht auf eventuelle sportliche Zwischenfälle gerüstet zu sein, werden wir heute ein sehr heterogenes Tresen-Team abgeben. Also greife ich wahllos in einen meiner Kartons, um einen –bereits verqualmten- Kapuzenpulli zu anzuziehen.

Minuten später befinden wir uns auf der Zülpicher Strasse, einer der Kneipengegenden Kölns. Während wir – immer noch lustlos – den Bürgersteig entlang schlendern, klopft es von innen an eine Fensterscheibe, was aber nicht uns gelten kann. Mit riesengroßen Augen, mindestens 4-fach durch die Wirkung einer Brille vergrößert, blickt uns ein Gesichtsgünter der Superlative mitten in die Augen. Im rot karierten Holzfällerhemd und mit einer Rotzbremse, wie sie im Buche steht. Schlechter, unregelmäßiger Bartwuchs lässt den so verheerenden Kosmetischen Fehlgriff noch schlimmer wirken. Als ich gerade anfangen will, laut loszulachen nimmt nun Schäfer Kontakt zu eben dieser Person auf und deutet mir an, dass es für ihn aktuell von höchster Priorität ist, in die Neon-Beleuchtete Schankstube zu gehen. Ich muss mich beeilen, an ihm dran zu bleiben.

Beim betreten des Ladens fällt mir unmittelbar dieser Film mit Tom Cruise ein, der sich die ganze Zeit in einer Cocktailbar abwickelt und im Prinzip stinklangweilig ist. Früher hat Tom Cruise immer in so Themenfilmen mitgespielt, Billard Filmen, Cocktail Filmen, Rennfahrer Filmen, Kampfpiloten Filmen. Tom Cruise ist sich für nichts zu schlecht, außer für Nicole Kidman, was zeigt, dass er einen Riesen Schaden hat. Einmal habe ich ihn während einer Pressekonferenz in Berlin gesehen, auf der er eine total euphorische Scientollogy – Werbeveranstaltung abhielt, hätte er zu diesem Zeitpunkt Heizdecken verkauft, wäre ich sicher darauf angesprungen eine zu kaufen und noch eine als Reserve, aber so etwas, nein.

Zurück zum Gesichtsgünter, der ist nämlich nicht alleine, bei ihm sitzen, anders als erwartet rund 10 echte, Kölner Eingeborene. Sie entpuppen sich als bekannte aus Schäfers Pfadfindertouren, was mich kurzfristig abschreckt. Ein ausführliches, sind-Pfadfinder-politisch-korrekt Brainstorming, lässt jedoch dann keine moralischen Bedenken anfallen und weil ich mich in Köln ja sozialisieren will, setzen wir uns mit an den Tisch. In der Cocktail Bar gibt es alle Cocktails für 4 Euro, Caiphi’s (sagt man ja so salopp daher) kosten noch bis 02.00 Uhr Zwei Euro. Wir bestellen also jeder zwei, und als uns auffällt, dass wir schon viertel vor zwei haben, direkt noch mal das gleiche auf Reserve. Nach dem sechsten Cocktails stelle ich die Überlegung an, selbst bei den Pfadfindern einzutreten. Hauptsächlich wird dieser Gedanke, durch meine Gegenüber beeinflusst. Wie sie heißt weiß ich nicht mehr, nur dass sie ein Netzoberteil trägt, unter dem sich eine wahre Luxus Statur bewegt, und mich permanent auf meinen Job als Pixelbeschleuniger festnagelt, weil sie in Dresden Design studieren will.

Bei den Pfadfindern existiert ein wirklich ungleiches Verhältnis zwischen hübschen, gebildeten Frauen, und weniger hübschen Dorfdeppen, jetzt mal mit Ausnahme von Schäfer, der aber meines Erachtens seinen Nutzen aus dieser Situation schlägt. Nachdem er und ich jeder 8 Cocktails intus haben, wollen die Pfadfinder ganz schnell weg von uns, ich denke mal, dass sie im Wald bestimmt noch ein Lagerfeuer vergessen haben, welches sie auspissen müssen und finde das daher nicht weiter schlimm. Wir trinken jeder noch zwei Gin Fizz und werden dann via unerträglicher Musik aus dem Laden befördert.

Auf dem Bordstein vor der Tür der Cocktail Kneipe habe ich eine Begegnung mit einem Karnevalsprinzen. Die rennen zu dieser Zeit hier in Rudeln rum. Wahnsinn, nur einmal ansprechen, denke ich mir. Der Prinz ist Döner, das ist doch ein guter Aufhänger:
„Schmeckt der?“ Der Prinz lässt mich abbeißen, schmeckt nach Zigarettenqualm, irgendwie aber ganz OK. Später in dem Dönerladen stelle ich fest, dass der Typ mit der Lammschere die ganze Zeit ne Kippe vor dem Fleisch qualmt. Das Nikotinfleisch schärft meine Sinne und auf dem Weg nachhause fühle ich mich herausgefordert, durch die neue Stadt, den Karnevalsprinzen und die Pfadfinder. Alles Neuland, nur nicht einrosten. Später wird man sowieso eher die Dinge bereuen, die man nicht getan hat, als die, die man getan hat.

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